Chruitfrässär Gschicht

D Chruitfrässär

Vier junge oder zumindest jung gebliebene Simpilär – Urs Arnold, Manfred Escher, Martin Rittiner und der Schreibende – hatten sich bereits seit einiger Zeit mit der recht ehrgeizigen Idee auseinandergesetzt, auf der Simplon-Südseite eine eigene Joopi-Muisig mit Leuten aus Simplon-Dorf und Gondo auf die Beine zu stellen. Von allem Anfang an beabsichtigte man jedoch, nicht einen Verein im eigentlichen Sinn des Wortes zu gründen, sondern auf völlig freiwilliger Basis und absolut ungezwungen und ungebunden ans Werk zu gehen. Zudem sollte die Fasnacht für die Mitwirkenden nicht zum totalen Stress werden. Aus diesen Gründen wollte man sich auf das fasnächtliche Treiben auf der Simplon-Südseite konzentrieren und beschränken, d.h. keine Auftritte „daana dum Bäärg„ bestreiten sowie keinerlei andere Verpflichtungen eingehen.
Am Sonntag, den 28. Oktober 1990 fand „obuni in z Rittärsch” eine Orientierungsversammlung statt. Rund 20 begeisterte Fasnächtler folgten der Einladung der vier Initianten, und noch am gleichen Abend wurde aus der Idee Realität: Die Simplon-Südseite hatte ihre eigene Joopi-Muisig. Nun galt es Instrumente zu beschaffen, Stücke zu suchen und einzuüben, ein einheitliches Kostüm zu entwerfen, einen treffenden Namen zu finden und vieles mehr. Am Freitag, den 9. November 1990 traf man sich zur ersten Probe. Der Name „Chruitfrässär” – eine Anlehnung an den nicht gerade schmeichelhaften Übernamen, den man den Simpilärn zuschreibt – tauchte bald einmal auf und fand sofort allgemeine Zustimmung. Das Kostüm sollte einfach, aber einheitlich sein und nach Möglichkeit einen Bezug zum Namen haben. So einigte man sich auf ein grasgrün eingefärbtes Leintuch mit einem Kopfloch in der Mitte und eine neongrüne Perücke. Ihre Feuertaufe erlebten die Chruitfrässär am 2. Februar 1991 am Risotto-Fest in Gondo. Das Echo bei der einheimischen Bevölkerung war sehr positiv. Am „Feistu Froontag” begleitete die Joopi-Muisig die jüngsten Simpilär Fasnächtler anlässlich des Kinderumzugs durchs Dorf. Den Höhepunkt bildete dann am 9. Februar 1991 das Polenta-Fest der AGREZA. Im winterlich weissen Dorf fielen die rund 30 grünen Fasnächtler nicht nur durch ihre frühlingshafte Farbe auf. Die erste Fasnacht der Chruitfrässär war ein voller Erfolg. Die Auftritte an der Generalversammlung des Vereins Simplon-Dorf / Zwischbergen – Gondo am 18. Januar 1992 im Saal zur Linde in Naters, an der Eröffnungsfeier zur Aufnahme des Sendebetriebs von Radio Rottu auf der Simplon-Südseite am 11. November 1993 sowie an der Preisverteilung der Bergdorfmeisterschaft der Fussballer am 5. November 1994 in Simplon-Dorf gehörten mit zu den Höhepunkten der folgenden Jahre. Gleichzeitig waren sie deutliche Zeichen für die Beliebtheit der Chruitfrässär beim Publikum.
Im dritten Jahr ihres Bestehens gaben die Chruitfrässär ihren ersten Pin heraus. Bis 1999 folgte dann jede Fasnacht ein neuer, jeweils mit einem Sujet rund um die entsprechende Geburtstagszahl. Für den internen Gebrauch und für vergiftete Sammler erschien dann rückwirkend auch ein Pin mit Nummer 2. Aber einen mit der Zahl 1 gaben die Chruitfrässär nie heraus. Die Serie endete mit einer Plakette zum 10-Jahre-Jubiläum an der Fasnacht 2000. Sie zeigt die Zahl 0, zu der sich nun jederman die 1 fürs erste und fürs zehnte Jahr hinzudenken kann. All die gelungenen Sujets dieser begehrten kleinen Sammlerobjekte verdanken die Chruitfrässär ihrem langjährigen Mitglied Felix Rittiner. Er hat damit ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Chruitfrässsär geschrieben. Die Geburtstagsfeier anlässlich des 10-jährigen Bestehens fand in bescheidenem, aber sehr würdigem Rahmen am 4. März 2000 vor dem Fasnachtsball in der Turnhalle von Simplon-Dorf statt. Alle ehemaligen Mitglieder wurden dazu eingeladen, und die allermeisten liessen es sich denn auch nicht nehmen, diese schönen Momente in geselliger Runde zu geniessen und alte Erinnerungen aufzufrischen. Das Geburtstagsgeschenk, mit dem sich die Chruitfrässär selber bescherten, bestand in der Teilnahme am grossen Oberwalliser Fasnachtsumzug in Brig. Es war ein bleibendes Erlebnis – und dies nicht nur wegen der willkommenen Stärkung in Form von Speis und Trank auf der Terrasse des Du Pont in Brig in der untergehenden Abendsonne. Seit der Gründung im Spätherbst 1990 haben sich die Chruitfrässär zu einem festen und begehrten Bestandteil der Fasnacht auf der Simplon-Südseite entwickelt. Nach wie vor trifft man sich recht ungezwungen und locker zu etwa 10 Proben pro Saison und leistet einen aktiven und willkommenen Beitrag an den drei erwähnten Fasnachtsanlässen. Zahlenmässig sind es immer noch um die dreissig oder mehr Mitwirkende beiderlei Geschlechts im Alter zwischen 16 und fast 50 Jahren, die es sich nicht nehmen lassen wollen, jedes Jahr von neuem die bösen Wintergeister zu vertreiben. Sogar Eltern mit ihren Kindern sind aktiv mit dabei. Zudem sorgen an den Auftritten noch einzelne ganz junge Talente, die das Üben nicht nötig haben, für willkommene Verstärkung.
Was die Zukunft angeht, sind die Chruitfrässär sehr zuversichtlich. Das Interesse der Dorfjugend an der eigenen Joopi-Muisig ist recht gross, so dass sich für die nächste Zeit keine Nachwuchsprobleme einstellen sollten. Es leben die Chruitfrässär!

Renato Arnold